CHRISTOPH TITZ                                          

 

Frobeat

 

Froh zu sein bedarf es wenig - aber es bedeutet viel in Zeiten wie diesen. Gut also, dass der in Aachen geborene (und jetzt in Berlin lebende) Trompeter Christoph Titz sein viertes Sudio-Album komplett danach ausgerichtet hat.  

 

Das liegt sicherlich auch daran, das der charismatische Bandleader selber zuallererst einmal ein positiv denkender Mensch ist. Und zwar einer mit entsprechendem Feeling, einem guten Ton, erfrischend unprätentiösem Approach und dem untrügerischen Instinkt für den richtigen Ton zur rechten Zeit. Das ermöglicht eine ganz eigene, sehr erfrischende Herangehensweise an zeitgenössischen Jazz in all seinen Facetten. Und “Frobeat” bringt sie in 15 (!) Songs geschickt auf den Punkt.

 

Die kongeniale Ausührung  geht komplett auf das Konto von Christoph’s handverlesenen Mitstreitern: Volker Meitz (Keyboards), Thomas Büchel (Gitarre), Thomy Jordi am Bass und der Schlagzeuger Matthias Trippner komplettieren souverän und mit viel Spielwitz ein grosses, sehr inspiriertes Ganzes, das weit komplexer ist als nur die jazzige Summe seiner genreübergreifenden Teile.

 

Der Titelsong sowie “Krumm Move” und “From Left To Right” zeigen dabei das volle Potenzial der auf hohem Niveau agierenden Band: raffinierte melodische Wendungen ueber geschickt inszenierte Tempiwechsel gehören grundlegend zum guten Ton. Ein weiteres definitives Highlight ist der dem Betreiber des Berliner Jazz-Clubs A-Trane gewidmete “Sedal Shuffle”: klassische Walking Lines über einen zwingenden Groove, ein fast schon traditionelles Thema und solistische Ausflüge, die nicht nur ein Mal an deutliche Inspirationsquellen wie Miles oder John Scofield erinnern. Alles bleibt jedoch in der Familie: "Frobeat" profitiert gleichzeitig von Tradition und Moderne. Sowie von einer stilistischen Offenheit, die stets organisch bleibt… einfach weil sie den authentischen Inspirationen eines ganz eigenen Denkers folgt. Christoph Titz bleibt, bei aller inspirativen Durchlässigkeit, doch immer ganz bei sich selbst und seiner persönlichen Schlussfolgerung.        

 

Tribute an den legendären Afro-Musiker Ebo Taylor aus Ghana (mit dem Christoph getourt hat), passen dabei ebenso gut ins Gesamtbild wie eine augenzwinkernde Hommage an die prägende Soundwelt von Kraftwerk. Kein Widerspruch in sich sondern eher logische Dokumentation eines erweiterten musikalischen Horizonts. Und zwar einer, der weder vor odd meters noch vor direktem Pop-Potenzial zurückschreckt - sondern, im Gegenteil, diese sogar locker vereint. Das betrifft die Verwertung von DubReggae-Einflüssen ebenso wie den nur beim ganz genauen Hinhören (dann allerdings deutlich erkennbaren) “hat tip” an Rockbands wie Golden Earring.  

 

Auf drei der Songs dann gibt sich die international geschätzte Soul/Pop-Vokalistin Pat Appleton die Ehre: “Promener”, “Foreign Spaces” und “Home” integrieren angenehm unaufgeregt Soul-, Pop- und Blues-Elemente, die von Pat auf ihre unvergleichliche Art in direkte Emotionen umgesetzt werden.    

 

Und wenns dann doch mal richtig melancholisch wird, schwingt gleichzeitig eine davon inspirierte Fröhlichkeit mit - mehr oder minder genau das, was man in Brasilien als “Saudade” bezeichnet: glückliche Melancholie. “Leaving”, “Dark Autumn” und “Waiting For Dawn” profitieren davon hörbar.

 

Klarerweise jedoch gibt es auch hier den so typischen Titz-Ansatz: diese Melancholie ist ebenso inspiriert von ECM-Klangwelten etwa eines Tomasz Stanko. Links Brasilien, rechts die Verneigung vor slawischem Jazz - und mittendrin der Protagonist als Vermittler, Interpret, Solist und übersetzer. Vermeintliche Gegensätze ziehen sich in der Welt von Christoph Titz eben einfach an.

 

Genau das ist es, was diese Musik letztlich ausmacht: die sich permanent anziehenden Gegensätze, die das Personal unter der Leitung von Christoph so lässig unter einen Hut bringt. Und das geht so souverän, weil er als Leader und Motor einfach in jedem Moment ganz er selber bleibt.

 

Angenehmerweise kann man das in jeder Note auf “Frobeat” deutlich hören. Vielleicht das grösste Kompliment an einen Musiker, der bei sich und seiner Vision angekommen ist.

 

Georg Boskamp aka George Solar, Ibiza im Mai 2020

(vormaliger Jazz Thing-Autor & freier Musikjournalist)

 

 MM008 MarotyMusic

 

www.christophtitz.de

 

release 28.02.2020